Sebastian Kneipp,

Pfarrer in Wörishofen, „der Schwäbische Bienenvater".

Sebastian Kneipp wurde den 17. Juni 1821 zu Stephansried geboren; sein Vater war ein armer Weber, der durch eisernen Fleiß, Ordnungssinn und Sparsamkeit es soweit gebracht hatte, daß er seiner Familie mehr als die nötigsten Bedürfnisse bieten konnte.

Sebastian genoß eine sorgfältige Erziehung. Ordnungsliebe, Sittsamkeit und frommer Sinn wurden in ihm frühzeitig geweckt, und ihm als bestes Erbteil mit auf den Weg gegeben. Feldarbeiten waren seine ersten Beschäftigungen. Er wurde hiezu von seinem Vater angeleitet und erwarb sich so jene Erfahrungen und Kenntnisse, welche seinen später herausgegebenen Büchlein „Friedrich, der Bauer" und „Friedrich, der Futterbauer" zu Grunde lagen.

In dem aufgeweckten Knaben aber erwachte an seinem Webstuhle der Sinn und das Streben nach höheren Zielen. Aber erst im Alter von einundzwanzig Jahren war es Sebastian Kneipp vergönnt, diesem Zuge seines Herzens folgen zu dürfen. Ein guter, edler Priester, der nunmehr verstorbene Professor der Moraltheologie, Mathias Merkle, nahm sich seiner an und unter dessen Leitung eignete sich der junge Sebastian die Vorkenntnisse für das Gymnasium an, in welches er zu Dillingen eintrat. Der übergroße Eifer, mit welchem er vorwärts strebte, machte ihn krank. Seine Gedächtnisschwäche ging so weit, daß er kaum mehr zwei Gedanken verbinden konnte.

Dieses sein Unglück wurde jedoch für Sebastian Kneipp der Anlaß zu dem Studium, dessen Erfolg ihm nach seinem eigenen Geständnisse zunächst seine körperliche Gesundheit wiedergab, aber auch seinem Namen zu außergewöhnlicher Berühmtheit verhalf. — Der unglückliche junge Mann gelangte nämlich damals in den Besitz der Broschüre über die Wasserheilmethode von Georg Hahn. Er studierte sie und sie brachte ihm Rettung. Er wurde, nachdem alle Ärzte ihn aufgegeben hatten, sein eigener Arzt und kurierte sich mit kaltem Wasser, in welchem er Sommer und Winter täglich badete. Zwar ging die Genesung nur langsam vonstatten, aber schließlich wurde sie eine so vollständige, daß Sebastian Kneipp seine Gymnasialstudien beenden und sein Maturitätsexamen bestehen konnte.

Unter den ärmlichsten Verhältnissen setzte Kneipp seine Studien an der Universität München fort. Er hörte Philosophie und Theologie zugleich und ließ sich durch keinerlei Entbehrungen in dem Streben ermüden, so rasch als möglich an sein Ziel zu gelangen.

Jm Jahre 1853 wurde Sebastian Kneipp zum Priester geweiht. Als Vikar in Biberbach, als Kaplan in Boos und zuletzt in Augsburg, überall wußte er Sich die Herzen der Gemeinde zu gewinnen. Jm Jahre 1855 kam er als Beichtvater des Dominikanerklosters nach Wörishofen und wurde nach dem Tode des hochbetagten Seelsorgers der Gemeinde Wörishofen dessen Nachfolger.

Der hochwürdige Herr ist eine kräftige Gestalt, die ein hohes Alter verbürgt, etwas mehr als mittelgroß und wohlproportioniert. Sein Kopf, ein schöner greiser Kopf mit seltenen frischen Zügen, verrät sofort den Mann von Geist und großer Energie.

Pfarrer Kneipp ist auch auf dem landwirtschaftlichen Gebiete zu Hause; sein rationeller Landwirtschaftsbetrieb im Kloster Wörishofen und einige Zeit auf seinem Gute giebt das beste Zeugnis von seinem richtigen Verständnisse. Wer immer in Wörishofener Umgebung ein gutes Stück Vieh haben wollte, ging zum ehemaligen Beichtvater Kneipp und mit größter Zufriedenheit konnte der Landmann von dorten zurückkehren.

Die Vorträge Kneipps, die er bei verschiedenen Anlässen bei Abhaltung der landwirtschaftlichen Vereine gehalten hat, haben für ganz Schwabenland großen Nutzen gebracht. Sehr segensreich wirkte derselbe aber auf bienenwirtschaftlichem Gebiete durch seine originellen und äußerst populär gehaltenen Vorträge. Kneipp fehlte früherer Zeit nicht leicht bei den Schwäbischen, sowie den deutsch-österreichisch-ungarischen Bienenzüchterversammlungen, wo er immer durch sein eingehendes theoretisches und praktisches Wissen die Aufmerksamkeit der Imkerwelt in ganz besonderer Weise auf sich zog. Jetzt noch gedenkt derselbe mit Freude jener Stunden, welche er im engeren und weiteren Kreise seiner lieben Imkerfreunde zugebracht hat. Wer in der Bienenzucht etwas profitieren wollte, ging zu Pfarrer Kneipp nach Wörishofen. Hunderte von Bienenhaltern, die oft den weitesten Weg nach Wörishofen nicht scheuten, hat er erst zu Bienenzüchtern gemacht und immer bereitete es dem würdigen Manne große Freude, wenn er den in Wörishofen versammelten Bienenfreunden Unterricht in der Bienenzucht geben konnte.

Dieser tüchtige Imker befaßte sich in eingehender Weise mit der Züchtung der Rassen. So prüfte er neben der deutschen Biene die italienische, ägyptische, krainer und Heiderasse. Bezüglich der Leistungsfähigkeit räumt Kneipp den italienisch-deutschen Bastarden die erste Stelle ein. Die Gutmütigkeit dieser Bastarde verdient zwar wenig Lob, dagegen arbeiten Sie recht tüchtig und mit einer staunenswerten Ausdauer und fürchten keinen Räuber. Bezüglich der ägyptischen Biene Sei bemerkt, daß er acht Jahre lang dieselbe in verschiedenen Beziehungen prüfte und zum Resultate kam, daß diese Biene bei uns echt gar nicht durchkomme und im Herbst und Frühjahr so volksschwach werde, daß einzelne Bienenfamilien nicht bestehen können. Als Züchtungsmaterial hält er diese Bienen mit anderen Rassen für das beste. Gleichwohl diese Bastarde recht empfindlich stechen können, so sind sie doch ebenso fleißig im Eintragen und Sammeln; ausgeplündert wurde ein solch Bastardvolk noch nie, weil diese Bienen heftig raufen und kein Volk eine so sichere Bienenwache hält als gerade die. Ägyptische Bastarden, teils von den Deutschen, teils von den Italienern und Krainern befruchtet, hielt Kneipp mehr als zwanzig Jahre auf Seinen Bienenständen. Musterhaft in der Volksvermehrung, musterhaft im Honigeinsammeln besitzen diese Bastarden eine Ausdauer, die geradezu Staunen erregt.

Bezüglich der Behandlungsweise der Bienen erzählt Pfarrer Kneipp in seinem Bienenbüchlein folgendes:

„Zwei Pfarrern und zwei Lehrern zeigte ich einst in meinem „Garten, wie man mit Bienen umgehen soll. Ich wollte sechs Körbe den einen nach dem anderen — stürzen. In den ersten Korb blies ich ganz sachte Rauch von der Zigarre beim Flugloch hinein, hob dann ganz ruhig, ohne die leiseste Erschütterung den Korb vom Brette und stellte ihn dann umgestürzt ebenso sachte auf einen Stuhl, blies nochmals drei- bis viermal in der zartesten Weise schief in den geöffneten Korb; die Bienen zogen Sich ruhig tiefer in den Korb zurück und ohne allen Anstand konnte ich meinen Zuschauern den Stock in seinem Innern zeigen und erklären. Die Gutmütigkeit der Bienen wurde von allen bewundert und es erwachte in ihnen eine neue Lust zur Bienenpflege. Nach einigen Minuten wurde der Stock ebenso ruhig wieder umgestürzt und an seinen alten Platz gebracht. So wurden fünf Stöcke nacheinander her behandelt; bei drei Stöcken auch Drohnenwaben ausgeschnitten, und doch blieben auch diese Stöcke in derselben Ruhe. Die vier Herren konnten sich nicht genug wundern. Der eine sagte: Wenn's ich so machen würde, die würden mir schon kommen!" Ein anderer: Das müssen besonders gute Bienen sein. Die bei meinem Nachbar Sind wie der Teufel; wenn ich daran nur vorbeigehe, kann ich nicht genug wehren, um nicht gestochen zu werden!" Den sechsten Korb behandelte ich, wie man Bienen oft behandelt; oder, wie der derbe Bauer zum Beamten tritt. Ohne beim Flugloche hinein Ranch zu machen, hob ich rasch den Korb vom Brett, der fest aufgekittet war, und Stellte ihn nicht in der zartesten Weise auf den Stuhl. Alle Welt, wie ging's aus dem Stocke heraus; als ob alles auf die vier Herren losstürmen müßte! Alle vier ergriffen die Flucht so schnell, daß keiner die Gartenthüre fand; wie im Fluge waren alle über dem Gartenzaune, und nach wenigen Sekunden hatte sich jeder hinter einem Hause vor diesen Verfolgern geschützt. Als sie nach einigen Minuten sich wieder dem Garten nähern wollten, hätte sich die kleine Schar gleich wieder in einen zweiten Kampf eingelassen. Auf diese Behandlungsweise hin wäre es mir auch nicht besser gangen; nur habe ich mir in dem nahe stehenden Gartenhäuschen schon eine Ecke ausgewählt, um dorthin zu fliehen. Einer der Herren fragte, nachdem der Sturm sich gelegt hatte, ob dies Bienenvolk so bösartig sei, oder ob ich diesen Sturm veranlaßt habe? Die Antwort war einfach: Behandelt die Bienen wie die fünf ersten und Sie werden zutraulich sein; seid ihr aber, wie ich beim letzten, dann müßt ihr auf die Flucht."

Wie die Bienen zart behandelt sein wollen, So fordern sie auch große Reinlichkeit. Die Bienen find selbst sehr reinlich und haben einen Scharfen Geruchsinn, Wer stark im Schweiße ist, und der Schweiß wäre zudem noch krankhaft, der soll nur in diesem Zustande den Bienen sich nicht nahen, weil er sich von Stichen so nicht schützen kann.

Bezüglich der Bienenwohnungen räumt Pfarrer Kneipp mit den Worten: „Prüfet alles und behaltet das Beste," der Dzierzonwohnung die erste Stelle ein.

Kneipps Bienenbüchlein, welches mehrere Auflagen erlebte, ist in Schwaben sehr verbreitet und dürften sich wohl wenige Bienenzüchter finden, welche dasselbe nicht besitzen. Desgleichen sind auch Kneipps landwirtschaftliche Schriften, wie „Friedrich, der Bauer" und „Fritz, der Futterbauer" sehr verbreitet.

Den Honigwein, den die Tausende von Kranken in Wörishofen schon getrunken, bereiten die braven Klosterfrauen im dortigen Kloster nach dem Rezepte des Pfarrers Kneipp in folgender Weise: Man bringt in einen recht reinlichen Kupferkessel sechzig bis fünfundsechzig Liter weiches Wasser. ist dasselbe ziemlich warm geworden, So werden circa sechs Liter Honig daran gerührt. Nun läßt man Wasser und Honig recht gelinde anderthalb Stunden stehen. Zeitweilig wird der schmutzige Schaum, der sich oben ansetzt, weggeschöpft. Ist die Zeit des Sieden« vorbei, dann wird dies Honigwasser ausgeschöpft in blecherne oder irdene Geschirre. ist dann selbes so abgekühlt, daß es noch etwas mehr Wärme hat als Wasser, das an der starken Sonnenhitze erwärmt wurde, dann wird es in ein sorgfältig gereinigtes Faß gebracht. Der Spund wird darauf gelegt, aber nicht befestigt. Ist der Keller ziemlich warm, dann beginnt nach fünf bis zehn Tagen die Gährung. Nach ungefähr vierzehn Tagen Gährungszeit wird dieser junge gegorene Honigwein in ein anderes Faß abgezogen. Die Hefe natürlich bleibt weg. Im zweiten Faße dauert die Gährung ungefähr zehn bis vierzehn Tage und wenn der Honigwein ganz ruhig wird, daß man im Faße nichts mehr hört, dann wird das Spundloch geschlossen. Nach drei bis vier Wochen wird er hell und trinkbar. Wird er dann in Flaschen abgezogen, gut verkorkt, und in kalten Sand gebracht, moussiert er in einigen Tagen ziemlich stark. Dieses Getränk ist sehr kühlend, deshalb trinken es die Fieberkranken sehr gern.

Die Bereitung des Honigessigs findet sich bei Kneipp in seinem  Bienenbüchlein Seite 109. (2. Auflage.)

Daß es einem solchen Manne, der vom frühen Morgen bis zu später Abendstunde in selbstlosester Weise sich der leidenden Menschheit opfert, und der auch auf landwirtschaftlichem und namentlich auch auf bienenwirtschaftlichem Gebiete Großes geleistet hat, daß es einer solch tüchtigen Kraft nicht an Ehrungen und Auszeichnungen gefehlt hat, ist erklärlich. Kneipps Namen wird auch in der ganzen Imkerwelt fürder stets mit größten Ehren genannt werden!