Fräulein Laura Schenk,

königl. Oberförsterstochter von Mittelneufnach.

Diese so ungemein anhängliche und treue Verehrerin und Pflegerin der kleinen Honigbiene hat ihre Immenliebe, ihre Immenbegeisterung nicht gestohlen, sondern nur geerbt, ist sie doch die würdige Tochter ihres ausgezeichneten Vaters, des Herrn Oberförsters Andreas Schenk (cf. dessen Biographie), als welche sie am 19. Juli 1859 zu Mittelneufnach das Licht der Welt erblickte.

Und die Kinder, die mich erben,
Erben auch mein Fleisch, mein Blut.

Diese prächtigen Worte jenes alten Studentenliedes, wie kann sie auch unser lieber Förstersmann anstimmen und singen, wenn er des eigenen edlen Herzens Sinnen, Träumen und Trachten auch in seinen Kindern wiederfindet! Wie ihm, so ist auch seiner Tochter Laura die Biene eine Welt. Und von früh bis spät in die Nacht ist sie emsig bemüht, zu sorgen und zu pflegen, daß ja den Lieblingen es an nichts gebreche und daß sie keinen Mangel leiden. Mit eigenen Händen wird da der ganze große Teil von Arbeit besorgt, den ein wohlgepflegter Bienenstand er-fordert. Und fällt ein Schwarm, wie ist das Fräulein behende, um ohne jegliche Furcht mit sicherster Hand den Neuling zu fassen und in die längst aufs säuberste bestellte neue Wohnung einzuquartieren!

Da stehen sie denn auch auf dem Schenkschen Stande, die traulichen Kästen und Körbe, von Fräulein Laura's Hand aufs beste verpflegt und versorgt, und wen mag es wunder nehmen, wenn ein herrlicher Born goldigen Honigs im Spätsommer zu fließen beginnt unter dem heimlichen Rauschen der Honigschleuder. Wenn dann die "Tante" Laura ihren Neffen und Nichten die köstlichen Butterbrote mit Honig bestreicht und der gute "Großpapa" dazu lächelt und die Kinderchen seiner Kinder herzt, da geht Selbst dem fremden Manne das Herz auf über das stille, schöne Glück und den himmlischen Frieden, der sich über so einer prächtigen schwäbischen Imkerfamilie lagert.

Das ganze Leid der letzten schlechten Bienenjahre prägte auch in Fräulein Laura Schenks Gemüt sich ein, nicht so fast deshalb, daß der Ertrag nicht der Ergiebigkeit der früheren gleichkam, als hauptsächlich aus Mitgefühl mit den lieben guten Immen, die, solange die reiche Pracht der Vollblüte währte, ob des ewigen, endlosen Regens und der kalten, windigen Tage den Bau nicht verlassen konnten und als endlich eine schönere Witterung sich einstellte, die Fluren und Wiesen, sonst die herrlichste Weide der armen Dingerchen, leer vorfanden. Wie soll da ein zartfühlendes Imkerherz nicht mit leiden! Als aber erst der rauhe, kalte, endlos lange Winter 1890-91 von der Erde Abschied nahm und drei Kasten- und vier Korbvölker auf dem Schenkschen Stande nicht mehr flogen, da wollte fast Mutlosigkeit im Herzen unser Imkergenossin Einkehr halten, zumal nicht leicht jemand die Tierchen im Herbste so vortrefflich herausgefüttert und eingewintert hatte, als gerade sie. Als aber allenthalben Kunde kam, daß selbst den größten Meistern dieser abnorme Winter Lücken geschlagen, da richtete sich das traurige Gemüt wieder auf und mit erneutem Eifer und frisch-freudigem Hoffen bestellte Fräulein Laura wiederum den Bienenstand. Möge ihr dieses Jahr mit Freuden und Erfolgen aufwiegen, was die treue Bienenfreundin in den vergangenen und namentlich im letzten Winter an Trübem zu erdulden hatte! Möge aber zugleich unserer lieben Bienenfreundin es gelingen, ihrer Schwester, dem guten Lottchen, den gewaltigen Respekt überwinden zu helfen, den letztere noch fortwährend, trotz des allseitigen Zuredens, vor dem Stachel der Biene hat. Sicher würde dann auch diese Tochter unseres Imkergenossen Schenk eine ebenso eifrige und anhängliche Bienenzüchterin werden, wie Fräulein Laura es geworden, es ist und es bleiben wird, auch wenn nochmal so ein arger, böser Winter seinen Unheilsmantel über ihren Stand breiten würde.